9. Tag: Glauchau-Nossen 119 Km

Und hier die Streckendaten via Komoot:

Strecke Tourtag 9 (1.Teil)

Strecke Tourtag 9 (2. Teil)

Wieder ein schöner Frühsommertag, der wieder sehr warm wurde. Wie hatte sich Glauchau verwandelt. Überall geschäftiges Treiben, und Markttag war auch. Bis man wirklich am Muderadweg landet, dauert es ein bisschen, und man hat Zeit, etwas genauer hinzuschauen. Die vielen Fabrikruinen zeugen von der einst großen Bedeutung Westsachsens als Industriestandort, vor allem der Textilindustrie. Vorbei! Heute lässt man lieber in Niedrigstlohnländern produzieren. Komischerweise stören sich die bunten Globalisten an so etwas nicht. Holt die Produktion von Dingen des täglichen Bedarfs zumindest in Teilen ins Land zurück! Auch die vielen Hausfassaden, hinter denen sich schon lange kein Leben mehr regt, zeigt: Da blutet ein ganzer Landstrich aus. Da ist es  nur ein schwacher Trost, dass es  immer  besser wirrd, je näher man an Dresden heranrückt.

See- und Parklandschaft in der Nähe von Glauchau.

Zur Tour selbst: Mit  Blick aufs Flusstal und die eindrucksvolle, reiche Baukultur, gehört die Zwickauer Mulde wohl zu den spannendsten und abwechslungsreichsten Touren, die man  in Deutschland fahren kann. Das Problem ist einfach, dass man die ersten 60 Kilometer der Etappe nicht als Mulderadweg bezeichnen kann, sondern eher als Tour durch West- und Mittelsäschsische Mittelegebirsglandschchaft mit kleinen Abschnitten an der Mulde. Man kommt also auch mit einem Pedelec an die Grenzen, ich habe mehrere Male geschoben, vor allem um den Akku zu schonen, und Kraft zu sparen. Bei 31 Grad über die Höhen, da ist keine Spaß. Versöhnlich stimmen die schattigen Abschnitte des Radwegs, die ganz bewusst durch die Wälder geführt werden. Doch was ist, wenn alles feucht und matschig ist? Für mich war es müßig, über diese Frage zu philosophieren.

Der Göhrener Viadukt - eine Eisenbahnbrücke auf der Bahnstrecke Neukieritzsch–Chemnitz im Ortsteil Göhren, südlich von Wechselburg in Sachsen.
Die immposante Anlage wurde bereits 1869 errichtet.
Die Große Kreisstadt Rochlitz mit Schloss Rochlitz.

Als ich in der Stadt Colditz ankam, war ich ziemlich fertig. Die Rettung war mal wieder eine Eisdiele, die gekühlte Getränke servierte. Denn auch das ist ein Markenzeichen dieses Abschnitts: Gaststätten sind rar gesät. Und  zu allem Überfluss öffnen sie erst abends, haben Ruhetag oder haben ganz aufgegeben.  Klare Sache: Da es wegen der Herausforderungen schwierig ist, eine Radtouristik-Region zu etablieren, wird  sich daran wohl auch in den kommenden Jahren nichts ändern.

Zusammenfluss der Zwickauer und Freiberger Mulde bei Sermuth.
Zusammenfluss der Zwickauer und Freiberger Mulde bei Sermuth.

Ganz anders ist  die Situation, wenn man am Zusammenfluss der Zwickauer und Freiberger Mulde angelangt ist. Das Tal wird weiter und man kommt, die Freiberger Mulde hochfahrend, zügig voran. Um Strom zu sparen, bin ich wieder einmal mehrere Kilometer ohne Motor gefahren. Ich kann zum x-ten Mal  nur warnen: Wer sich für ein Pedelec  entscheidet, kommt zwar in der Regel besser voran,  doch bei Tourenplanungen im Bereich zwischen 80 bis 120 Kilometer pro Etappe wird der Vorteil gegenüber klassischen Reiserädern in weiten Teilen wieder aufgefressen. Zum einen, weil die Biester doch sehr schwer sind, zum anderen, weil bei der Erhöhung der Unterstützung der Verbrauch massiv steigt. 80 bis 90 Prozent einer 100 bis 110-Kilometer-Etappe MÜSSEN im Eco-Modus gefahren werden. Sonst gibt das nichts, was auch die zweite Hälfte der Etappe zeigte. Die ist zwar landschaftlich reizvoll und human, hat aber auch den Nachteil, dass man nicht immer über asphaltiertes Terrain geführt wird. Der Vorteil: An heißen Tagen viel Schatten, aber wenn die Poiste zu wünschen übrig lässt, kommt man halt nicht so gut voran.

Fazit: Eine wirklich tolle  Etappe, von der allerdings weniger geübte Fahrer die Finger lassen sollen, egal, ob sie mit oder ohne Motor-Unterstützung unterwegs sind. Bezeichnenderweise konnte ich die Tourenradfahrer, die mir im Laufe des Tages begegneten, mit einer Hand abzählen. Ich kam quasi auf dem Zahnfleisch gegen 19 Uhr in Nossen an. In der Seminarfabrik (Sefano) geht ja einchecken nur bis 15.30 Uhr. Man muss anrufen und bekommt dann einen Code per SMS. Zu meiner Überraschung war eine der Mitarbeiterinnen am Abend noch mall gekommen, um den Spätankömmlingen behilflich zu sein. Ich schien übrigens  der  einzige zu sein. Und obwohl es  sich – nach eigener Aussage – um ein Low-Budget-Hotel handelte, war alles da, was man so braucht. Und morgens gab es  ein extra für mich von der Chefin zubereitetes Superfrühstück. Mein Fazit: Sefano hat eine dicke Empfehlung  verdient und zeigt nebenbei, was man aus einer ausgedienten Fabrik machen kann.

 

Zu Abend gegessen habe ich in der Stadt Dresden  (etwa 1000 Meter zu Fuß steil bergauf) im Herzen der Altstadt. Es gab sächsischen Spargel. Auch alles prima. Und bei der Gelegenheit muss ich mall etwas loswerden: Die Kampagnen, die aktuell gegen Sachsen gefahren werden, halte ich für sehr schlimm. Als käme aus jeder Ecke ein Rechtsradikaler, der sich mit Flüchtlingen schlägt. Die Wahrheit ist eine andere: Die vielen schmucken Städtchen sind ruhig, für einen Rheinländer schon fast zu ruhig. Kann es sein, dass diejenigen, die sich immer über Hass und Hetze beschweren, diejenigen sind, die am meisten hassen und hetzen? O.K., ich schweife mal wieder ab

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© Dr. Dr. Reinhard Kallenbach 2018