Pedelec-Test 2019

Man wird nicht jünger! Das Scheitern meiner geplanten großen Radtour 2018 von Koblenz in Richtung Ostpreußen nach steigungsreichen 475 Kilometern bei Bad Harzburg zwang mich zum Umdenken. Mein mehrfach operiertes rechtes Knie macht die großen Belastungen am Berg offenbar nicht mehr mit. Die Konsequenz: Es fiel die Entscheidung, ein Pedelec zu kaufen. Eigentlich sollte es erst im Rentenalter so weit sein. Aber lieber so als keine Radtouren mehr!

 

Im Oktober kaufte ich mir ein Giant Explore E +1 (Modell 2018). Tolles Teil, reduziert bei Fahrrad Franz von 2699 auf 2499 Euro. Dafür gab es einen starken Yamaha-Motor und 20 Gänge (vorne gibt es ein zweites Ritzel). Das ist nicht mit jedem Antrieb möglich. Dazu starke 80 Newtonmeter Drehmoment. Da machte es sogar Spaß, im Winter „Ausritte“ zu übernehmen. Nach 1000 Kilometern Test plante ich schon wieder Größeres. Doch oh Schreck, auf einmal war das Fahrrad weg! Irgendeinem Langfinger hatte das Giant so gut gefallen, dass er sogar aus dem Hausflur heraus gestohlen hatte. Ermittlungen der Polizei blieben erfolglos.

Nun war guter Rat teuer. Die Versicherung (WWK) zahlte zwar innerhalb von fünf Tagen, doch ich fragte mich, ob ich das sehr auffällige Giant noch mal ordern sollte. Das war inzwischen nur noch als Modell 2019 erhältlich und deshalb 300 Euro teurer. Im Vergleich zum Vorgängermodell hat es eine optimierte Elektronik. Ich entschied mich für eine unauffälligere Lösung: Das schlicht gestaltete, rund 500 Euro preiswertere Modell Cube Touring Hybrid 500. Die Einschränkung: Nur noch neun Gänge, dazu ein Bosch Motörchen Aktive Plus mit einem Drehmoment von nur 50 Newtonmetern. Auf den ersten Blick also ein deutlicher Rückschritt. Doch nach weiteren 1000 Kilometern bin ich zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen. Es ist also Zeit, einen kleinen Vergleich zu starten.

Grundsätzliches

Wer von einem klassischen Tourenrad auf ein Pedelec umsteigt, verändert seine Touren und fährt ab sofort sehr gerne bergauf (was ich als klassischer Flusstal-Reisender früher nach Möglichkeit vermieden habe) – vor allem die Steigungen, bei denen man früher schieben musste. Steigungen waren für mich immer ein notwendiges Übel – jetzt machen sie richtig Spaß (zumindest sehr oft). Wer meint, dass man nichts mehr tun muss, irrt sich gewaltig. Egal, ob schwächerer oder stärkerer Motor: Der einheitlich 250 Watt starke Antrieb ist eine Ergänzung, es ist also kein Problem, nach einer Spritztour einen Muskelkater zu bekommen, vor allem wenn man die Technik dosiert einsetzt.

 

Gemeinsamkeiten

Egal ob Bosch oder Yamaha: Man muss taktisch und vor allem ökonomisch fahren, wenn man mit Unterstützung möglichst weit kommen wird. Die schweren Pedelecs ohne Motor zu fahren, kann mitunter sehr anstrengend werden. Beide Modelle, die ich gefahren habe, sind mit starken 500er-Akkus ausgestattet, was Reichweiten von rund 150 Kilometern pro Ladung erlaubt. Die Praxistests zeigten jedoch sehr schnell, dass diese Werte illusorisch sind.

 

Vorteile Giant/Yamaha

Streng genommen ist das Explore kein klassisches Tourenrad mit Motor. Viele Vorzüge aus der Welt der Moutainbikes sind integriert, was sich optisch schon an den breiten Reifen gut erkennen lässt. Und auch die Hinterrad-Übersetzung ist so wie bei einem Mountainbike ausgelegt. Damit kommt man gut im Gelände voran, auch wenn man auf diesem Terrain keine Erfahrung hat. Der starke Motor gibt tolle Unterstützung bei Steigungen. Es gibt folgende Stufen: Eco, Eco+, Normal sowie zwei Berggänge. Damit schafft man fast alles. Das war zumindest mein Eindruck, nachdem ich in Koblenz und näherer Umgebung so ziemlich alles getestet habe, was steil ist. Doch Kraft hat ihren Preis: Man kann quasi zuschauen, wie die Leistungsanzeige im Display laufend abnimmt. Ich hatte mich allerdings im Vorfeld informiert und wusste, dass bei hügeligen Touren eine Maximalreichweite von 60 bis 70 Kilometern realistisch ist. Und diese Voraussage kann ich nach meinen Praxiserfahrungen auch bestätigen. Aber auch, wenn man nur an den Flussufern fährt, kann von den versprochenen 150 Kilometern nur träumen. 110, maximal 120 Kilometer sind realistisch.

 

Ein großer Vorteil des Giant gegenüber vielen anderen Pedelec-Modellen ist seine Belastbarkeit. Der Hersteller gibt ein Gesamtgewicht von 156 Kilogramm für Fahrer, Beifahrer und Gepäck an. Standard  sind immer noch 120 bis 130 Kilo. Und wirklich: Das Giant ist stabil und empfehlenswert. Es hat dennoch kleinere Nachteile, die sich allerdings nur bei mehrtägigen Touren auswirken.

  • Der Akku ist relativ groß und schwer. Einen Ersatzakku (um die 590 Euro) mitzunehmen, erscheint mir deshalb wenig sinnvoll.
  • Das schnelle Ladegerät (4,5 Stunden für eine Vollladung) ist ebenfalls etwas unhandlich.
  • Ohne Motorunterstützung lässt sich das Giant recht schwer fahren. Auf gerader Strecke geht das gerade so, aber bei einer kleinen Steigung wird es ungemütlich …
  • Das Motorengeräusch kann mitunter nerven.
  • Wenn nur noch 10 Prozent Kapazität angezeigt werden, heißt das nicht, dass man noch 10 Kilometer weit kommt. Einmal ging bei mir im Dunkeln nichts mehr, auch nicht das Licht. Es gibt also keine Gangreserve. Womöglich ist das beim Modell 2019 anders, Giant hat die Elektronik inzwischen überarbeitet.

 

Cube/Bosch

Trotz der kleinen Kritikpunkte dürfte das Cube mit Bosch-Antrieb einem ernsthaften Vergleich mit dem Giant gar nicht standhalten. Doch der Praxistest zeigte, dass die Entwickler ganze Arbeit geleistet haben – auch deshalb, weil das Cube mit seinen 23,8 Kilogramm etwa 2 Kilo leichter ist, als das Giant. Das macht dieses Pedelec etwas wendiger als das von Giant. Es unterscheidet sich, anders als das Giant, optisch nur sehr wenig von einem klassischen Reiserad. Das liegt daran, dass Bosch den Akku „geschrumpft“ hat, der problemlos im Rahmen versteckt werden kann und zusätzlich durch einen Plastikdeckel geschützt wird. Und auch der Motor ist deutlich leichter und kleiner als der von Yamaha. Zudem hat auch die Elektronik ihre Vorzüge. Die Reichweiten werden ständig neu berechnet, was dem Fahrer vor unangenehmen Überraschungen bewahrt. Ich wollte es genau wissen und fuhr den Akku so leer, dass nur noch 0 Kilometer Reichweite angezeigt wurden. Und trotzdem gingen Licht und Motor noch. Eine kleine Reserve wurde einkalkuliert.

 

Der Hauptvorteil des kleineren Motors ist jedoch seine Reichweite: Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Bosch im Vergleich mit Yamaha im Durchschnitt rund 20 Kilometer weiterkommt. Am Flussufer heißt das: Von Koblenz nach Rüdesheim und zurück mit einer Ladung sind locker drin, zumal man das Fahrrad problemlos ohne Motorunterstützung fahren kann. Auf gerader Strecke fährt sich das Cube wie ein normales Tourenrad. Dazu kommt, dass man die Motorenunterstützung kaum wahrnimmt. Der schwache Motor ist also deutlich leiser als der starke.

 

Bleibt die Frage, wie sich der schwächere Motor am Berg verhält. Und das war die Überraschung. Ich bin alle Steigungen, die ich mit dem Giant gefahren bin, auch mit dem Cube problemlos hochbekommen.

Ostertour 2019: Höhenetappe 1 nach Monreal.

Am langen Osterwochenende wurde ich dann wagemutig und habe 400 Kilometer abgespult. Nicht nur an Rhein und Mosel, sondern auch im Mittelgebirge. Von  Koblenz über Ochtendung nach Polch, dann weiter nach Mayen, von dort nach Monreal und dann über Kaisersesch nach Cochem. Die „Bergtour“ war 89 Kilometer lang, die Akkuladung reichte. Allerdings muss man auch sagen, dass es lange Abfahrten gab, umgekehrt aber auch anspruchsvolle Steigungen, bei denen ich trotz Motor ins Schnaufen gekommen bin. Hier hätte der Yamaha-Motor mit Sicherheit stellenweise eine bessere Unterstützung gegeben.

Ostertour 2019: Beilstein

Fazit

Welches Fahrrad ist besser? Das hängt vom Fahrertyp und seine Präferenzen ab. Für diejenigen, die es regelmäßig in bergigere Regionen zieht, ist das Giant Explore mit Sicherheit eine gute Wahl. Die hohe Belastbarkeit des Materials und der starke Yamaha-Motor haben ihre Vorzüge.

 

Für klassische Radreisende, die sich an Flussläufen orientieren, gerne einmal ohne Motor fahren und eine unspektakuläre Unterstützung am Berg schätzen, ist das Cube nicht nur eine gute Alternative, sondern ist vor allem wegen seiner Reichweite auf diesem Terrain der Testsieger.

 

Natürlich bietet Cube ähnliche Tourenräder mit der stärkeren Bosch-Performance-Line an, doch dann liegen die durchschnittlichen Reichweiten im Bereich der Yamaha-Motoren. Die einfache Formel: Je mehr Unterstützung, desto höher ist der Verbrauch.

 

Man muss also wissen, was man will. Für mich ist das Cube mehr als ein Ersatz.

Ostertour 2019: Cochem

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Dr. Dr. Reinhard Kallenbach

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